Sonntag, 9. November 2008
Von oben (Teil 1)
nuit, exterieur

Ich starb plötzlich und unvorhergesehen. Manche Leute würden das ein Glück im Unglück nennen.

Auf dem Heimweg hatte ich ein paar Bier getrunken und mich an der Kreuzung nicht richtig umgeschaut. Der Fahrer eines voll beladenen Paketlasters hatte zu spät gebremst und der Wagen hatte mich mitsamt meinem Fahrrad überrollt. Meine Wirbelsäule war durch den Aufprall in Höhe der Schultern gebrochen, so daß ich den größten Teil meines Körpers nicht spürte und keine all zu schlimmmen Schmerzen erleiden mußte.

Das Letzte, was ich durch meine Augen sah, war das Gesicht des LKW-Fahrers, der neben mir kniete und "Nein, nein, oh nein" stammelte.

Die ersten paar Stunden danach waren ein wenig, sagen wir mal, unangenehm. Mein Körper hing im Krankenhaus an allen möglichen Geräten, die ihn noch ein wenig am Leben hielten. Meine Familie war noch nicht so weit, einzusehen, da ß es angesichts der Null-Linie auf dem EEG sinnlos war, ihn nicht einfach sterben zu lassen. Und das arme, zerbrochene Ding, das mich so lange treu und brav durch die Welt getragen hatte, rief nach mir.

Stellen Sie sich einfach vor, Sie gingen in einer schlaflosen Sommernacht durch unbekannte Straßen spazieren und hörten irgendwo durch ein geöffnetes Fenster ein Kind weinen. Sie wissen, da ß Sie nichts tun können, um dem Kind zu helfen, aber trotzdem stehen Sie eine lange Zeit da auf der Straße, unf ähig, einfach die Schultern zu zucken und weiter zu gehen. So ähnlich war das mit meinem Körper und mir.

Ich sage "so ähnlich", denn in Wirklichkeit empfindet man natürlich anders, wenn man tot ist. Es ist schwer zu erklären, denn zwischen den Lebenden und den Toten verhält es sich ein bißchen so wie zwischen Kindern und Erwachsenen. Die Kinder verstehen die Erwachsenen nicht und das ist auch völlig klar und einleuchtend, denn sie waren ja noch nie erwachsen. Oft genug aber verstehen die Erwachsenen die Kinder ebenso wenig, obwohl sie sich ja eigentlich nur ein wenig Mühe geben müßten, sich zu erinnern.

Und wie ein Erwachsener versuchen kann, sich so auszudrücken, da ß ein Kind ihn verstehen kann, w ähle ich meine Worte bewußt so, da ß Sie sie verstehen können. Das geht natürlich nicht, ohne daß ich einige Vergleiche und Vereinfachungen benutze. Erwarten Sie also bitte nicht, daß ich Ihnen jetzt erkläre, wie das ist mit Gott und dem Jenseits. Sie würden es nicht verstehen, es sei denn ich erzählte Ihnen die Kinderversion. Aber die können Sie genau so gut in verschiedenen alten Büchern nachlesen.

Behalten sie das einfach im Hinterkopf, wenn Sie mir zuhören: Von oben betrachtet sehen die Dinge oft ganz anders aus.

Es dauerte zwei Tage, bis meine Familie den Mut faßte, die Maschinen abschalten zu lassen. Manchmal saß ich bei ihnen, aber ich versuchte, das auf ein Minimum zu beschränken. Es ist nämlich so, da ß die Lebenden unsere Anwesenheit durchaus spüren können, aber dieses Gespür tut ihnen nichts Gutes. Denn in diesen Augenblicken wird ihnen besonders eindringlich klar, da ß sie uns nicht mehr sehen, h ören und fühlen können und der Schmerz, den sie empfinden, ist dann besonders schlimm.

Das ist eine der ersten Sachen, die man lernt, wenn man tot ist. Es ist nicht leicht, das zu akzeptieren, aber für die Lebenden ist es schließlich auch nicht einfacher.

Das war auch der Grund, warum ich mich bei meiner Beerdigung im Hintergrund hielt. Zu Lebzeiten mochte ich diese Zeremonien nie und war meistens widerwillig und mit einem komischen Gefühl hingegangen. Jetzt wußte ich, da ß ich mit meiner damaligen Vermutung recht gehabt hatte: Beerdigungen sind für die Lebenden da, um einen Abschluß zu setzen und eine Trennung zu vollziehen. Den Toten ist es ziemlich egal, was mit ihrem Körper geschieht.

Trotzdem war ich ein wenig verärgert, denn meine Familie hatte mein Testament in einem Punkt ignoriert und hatte anstatt des Urnenbegräbisses tatsächlich eine Bestattung mit so einem riesigen Holzkasten organisiert.

In der Entfernung sah ich die Gestalt eines Menschen, der die Szene aus noch größerer Entfernung betrachtete: Es war der Fahrer des Lastwagens.

Er hatte schon eine Weile dort gestanden, den Schirm seiner Mütze tief ins Gesicht gezogen und der Ansammmlung schniefender Menschen in dunklen Kleidern zugesehen. Nun wandte er sich ab und ging in Richtung des Ausgangs. Ich weiß nicht genau, was mich neugierig gemacht hatte, aber ich folgte ihm in einigem Abstand.

Als er das Friedhofstor erreichte, zog er eine Schachtel Zigaretten und Streichhölzer aus der Jackentasche, fummelte zuerst ungeschickt an der Zellophanverpackung herum und zog dann eine Zigarette aus der Schachtel. Mit dem dritten Streichholz gelang es ihm, die Zigarette anzuzünden und er nahm einen Zug. Er hustete, sah das weiße Stäbchen an und warf es dann fort, nachdem er ein paar Augenblicke reglos da gestanden hatte.

Ich folgte ihm weiter, zur Bushaltestelle und weiter, bis er zu seiner Wohnung zurückgekehrt war. Es gelang mir, mich hinter ihm durch die offene Wohnungstür zu drängen.

Eigentlich war das natürlich nicht notwendig, aber irgendwie finde ich es immer noch merkwürdig und nicht besonders angenehm, durch Wände und Türen so einfach hindurch zu gehen, wie es mir jetzt nun einmal möglich ist. Nennen Sie es die Macht der Gewohnheit. Manchmal passiert es natürlich trotzdem, aus reiner Unachtsamkeit. Aber es ist ein komisches Gefühl, ganz besonders, wenn man es versäumt, einem Menschen rechtzeitig auszuweichen. Vor allem sehr junge oder sehr alte Leute verharren dann plötzlich in dem, was sie gerade tun und sehen sich verwirrt um, als hätten sie diese fremde Gegenwart auf irgendeine Art und Weise gespürt.

Sei es wie es sei, ich stand nun in der Küche des Lastwagenfahrers und sah ihm zu, wie er eine Flasche Milch aus dem Kühlschrank holte, einen kleinen Topf daraus füllte und diesen auf den Herd stellte. Der Mann und setzte sich an den Küchentisch. Auf dem Tisch lag eine Plastiktüte mit verschiedenen Schachteln darin, eine kleine Digitalkamera und ein paar geöffnete Briefe. Daneben stand eine altmodische hölzerne Kaffeemühle, die mit einer Handkurbel betrieben wurde.

Ich hatte es mir inzwischen rittlings auf dem Kühlschrank bequem gemacht und reckte den Hals, um einen Blick auf die Briefe zu werfen. "Spedition und Logistik" stand im Briefkopf des einen und "Polizeidirekton Südwest" auf einem anderen.

Der Mann wühlte nun in der Plastiktüte, bis er eine Schachtel mit einem kleinen Glasfläschchen gefunden hatte und trank ein paar Tropfen davon, indem er den Schraubverschluß der Flasche als Trinkbecher benutzte. "Vomex" stand auf dem Etikett und "bei Reiseübelkeit und Erbrechen". Ich ruckelte unruhig auf meinem Hochsitz hin und her, während ich ihm zusah.

Er nahm die Kamera in die Hand, schaltete sie ein und begann, eine Reihe von Fotos durchzublättern. Es waren eigentlich ganz normale Fotos, wie man sie eben auf den Kameras der meisten Leute findet, aber irgendetwas beunruhigte mich trotzdem. Die Bilder zeigten ihn selbst, vielleicht etwas jünger, in dem Wägelchen einer Achterbahn, in einem Strandkorb vor dem Hintergrund einer Dünenlandschaft und in einem Garten neben einem Grill, unter dem ein Holzfeuer flackerte. Auf manchen der Bilder war auch eine Frau mit blonden Zöpfen und ein kleiner Junge mit einem Spielzeugbagger zu sehen.

Auf dem Herd begann die Milch zu brodeln und der LKW-Fahrer legte die Kamera beiseite, drehte sich auf seinem Stuhl um und schaltete die Kochplatte aus. Dann holte er eine Schachtel nach der anderen aus der Plastiktüte und schüttelte mehrere silbrige Folienverpackungen heraus. Geduldig drückte er die enthaltenen Tabletten aus der Folie und häufte sie vor sich auf der Tischplatte an. Schließlich lagen die Tabletten wie ein Häufchen Kaffeebohnen vor ihm und er begann, die Kaffeemühle damit zu füllen. Langsam drehte er die Kurbel, bis das Krachen und Knistern nachließ.

Der Mann stand nun auf, füllte am Herd einen Becher aus Steingut mit Milch und gab ein paar Löffel Zucker dazu. Er kehrte zum Tisch zurück, zog die kleine Schublade aus dem unteren Teil der Kaffeemühle und schüttete das bitter riechende weiße Pulver ebenfalls in den Becher und begann, das Gebräu umzurühren.

Dann legte er den Löffel beiseite und starrte den Becher an. Seine Hand tastete zögernd nach der Kamera, verharrte dann zögernd, die Fingerspitzen nur ein paar Millimeter von dem kleinen schwarzen Kasten entfernt.

Als er nach dem Becher griff, sprang ich von meinem Sitzplatz auf dem Kühlschrank herunter, griff über seine Schulter und stieß das Gefäß über den Tischrand, so daß es mit einem trockenen Knacken auf dem Küchenboden zerbrach.

Der LKW-Fahrer erstarrte. "War ja klar", murmelte er dann. Eine ganze Weile saß er da und starrte die Pfützeaus giftigem Gebräu und Steingutsplittern an. Schließlich holte ein Tuch vom Spülbecken und machte sich daran, den Fleck vom Boden aufzuwischen. Dabei kicherte er immer wieder merkwürdig vor sich hin, fing dann an, zu lachen. Das Lachen wurde immer lauter, bis schließlich Tränen seine Wangen herunter liefen.

Sie sind erstaunt, daß so etwas möglich ist? Nun ja, woher sollten sie es denn auch wissen.

Also ja, so etwas ist möglich, auch wenn es nicht all zu oft passiert. Das liegt größtenteils daran, da ß es nicht gerade angenehm ist, in die Welt der Lebenden hinüber zu greifen. Stellen Sie es sich einfach vor wie die sprichwörtliche Kartoffel, die es aus dem Feuer zu holen gilt. An und für sich ist das kein Problem, wenn man nur fest entschlossen und schnell genug ist, aber Spaß macht es trotzdem nicht.

Und nein, nur weil ich tot bin, bin ich noch lange kein Schutzengel. Meine Motive, wenn wir es mal so nennen wollen, waren eigentlich ziemlich eigennütziger Art. Es ist nämlich so eine Sache mit denen, die sich selbst das Leben genommen haben.

Ich meine nicht die wenigen, die es aus dem Wissen tun, da ß ihr Körper an einer unheilbaren Krankheit leidet, nein, ich meine alle die Jammergestalten, die versuchen, sich vor irgendeiner Konsequenz oder Erkenntnis drücken wollen, die aus dem entsteht, was sie in ihrem Leben getan haben. Noch schlimmer sind eigentlich nur die, die sich umgebracht haben, weil sie irgend jemand anderen auf eine ziemlich perverse Art dadurch bestrafen wollten.

Sie alle finden zu ihrem Verdruß heraus, daß wir alle mehr aus unserem Leben mit hinüber nehmen, als ihnen lieb ist. Es sind, gelinde gesagt, meistens ziemlich mürrische und unerfreuliche Zeitgenossen und die Tatsache, da ß unsere Zeit die Ewigkeit ist, macht es auch nicht besser.

Kurz gesagt, ich hatte einfach keine Lust, dem armen Kerl irgendwann erklären zu müssen, daß er sein Leben eigentlich deshalb weggeworfen hatte, weil irgendein anderer Dummkopf sich unbedingt halb betrunken auf sein Fahrrad schwingen mußte.

(...)

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Auto-Archäologie
CCC-Fetzen 1990

Eigentlich war ja seit Jahren oder Jahrzehnten für die Dauer der aktuellen Inkarnation kein Umzug mehr geplant. Nun aber doch.

Beim Ausräumen der alten Kellerkisten muß ich mich andauernd zusammenreißen, um nicht knietief in der eigenen Historie zu versinken. Aber das hier fiel mir aus einem Stapel geballter Vergangenheit (oder war es nur ein Ballen gestapelter Vergangenheit?) buchstäblich vor die Füsse.

Und machte mich doch lächeln:

Der Congress, auf dem ich meinen eigenen 30sten Geburtstag verpasste. Irgendwer hat mich nen Tag später dran erinnert.

P.S.: Und boah, Haare aufm Kopf ;-)

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Mittwoch, 10. September 2008
Frühe Einsicht (1991)
manuskript

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Donnerstag, 4. September 2008
Sand (Teil 1)
night vision

Wenn ihn jemand fragt, wie es eigentlich dazu gekommen ist, fällt es schwer, eine Antwort zu geben, die nicht länger ist als die Aufmerksamkeitsspanne des Fragestellers und das ist so charakteristisch für die ganze Geschichte, daß es ihm schon wieder wie ein Teil der Antwort vorkommt.

Er erzählt nur selten vom Sand und wenn er es doch tut, sagen die Leute immer Sachen wie: "Was, du, beim Militär? Das paßt doch gar nicht zu dir!", und so weiter. Als ob Menschen immer nur Dinge täten, die zu ihnen paßten.

Genauso glauben sie zu verstehen, warum er den Dienst vorzeitig quittiert hat und schon wieder verstehen sie in Wirklichkeit gar nichts.

Angefangen hat es mit seinem Vater, der unbedingt so ein bescheuerter Friedensfreak sein mußte, mit seinen Unterschriftensammlungen und dem Ghandigelaber aus dem zwanzigsten Jahrhundert.Später hat er eine biographische Dokumentation über Ghandi gelesen und bei den Kapiteln, die sich mit Ghandis Verhalten gegenüber seinen eigenen Familienmitgliedern befaßte, hat er bitter aufgelacht.

Die Zeit, in der sie mit dem alten VW-Bus jedes Wochenende von einer Latschdemo zur nächsten tourten, dauerte in seiner Erinnerung endlos lang, aber anhand eines Kalenders hat er nachgerechnet, daß es eigentlich nur zweieinhalb Jahre waren. Kein Wunder, daß seine Mutter sich aus dem Staub gemacht und diesen Zahnarzt geheiratet hatte.

Aber damals war er vierzehn gewesen und seine Altersgenossen trafen sich an den Wochenenden, um Fußball zu spielen, am Marktbrunnen herum zu hängen oder die ersten Knutsch- und Saufparties zu organisieren. Er stand währenddessen mit Gummistiefeln auf irgendeinem Acker herum oder trabte entlang eines Eisenbahngeleises Güterwaggons mit Castor-Behältern hinterher, die im Schrittempo durchs Niemandsland rumpelten.

Was sein Vater einfach nicht kapieren wollte war, daß es die Sorte Kriege, die er verhindern wollte, gar nicht mehr gab. Nationalstolz, Ideologien oder irgendwelche verletzten Ehren hielten zwar oft noch als Vorwand her, aber in Wirklichkeit ging es nur noch um die Verteilung der schwindenden Erdölvorräte. Und da das Öl nicht wieder zurückkam, hörten auch die Kriege nicht auf. So einfach war das.

Jedenfalls damals. Heute, wo es genau so häufig um die Herrschaft über die verbliebenen Trinkwasservorräte der Welt ging, war die Sache noch ein bißchen heikler geworden.

Natürlich hatte er das damals schon gewußt. Und trotzdem hatte er den vorbereiten Zivildienst-Antrag, den sein Vater ihm mitgegeben hatte, an der Bushaltestelle vor dem Kreiswehrersatzamt in den Papierkorb geworfen und sich noch am gleichen Tag als Zeitsoldat einschreiben lassen.

In den folgenden Monaten stellte er fest, daß beim Militär eine ganze Menge Leute mindestens genau so viel Schrauben locker hatten wie sein Vater, nur an anderen Stellen. Und schon wieder stand er irgendwo im Niemandsland, nur diesmal mit 20 Kilo Sanitätsausrüstung auf dem Buckel und einem G6 anstatt eines Protestplakates über der Schulter.

Nach vier Monaten kamen drei Stabsoffiziere in Zivil, namen die Offiziersanwärter in in die Mangel und boten Dombart eine Ausbildung als Drohnentechniker im militärfachlichen Dienst an. Das war eine Sondereinheit, deren Mitglieder sich hauptsächlich den etwas neueren und komplizierteren Spielzeugen der Truppe widmete.

Dombart hatte sich bisher für Computer so viel und so wenig interessiert wie für Lichtschalter und Wasserhähne. Fürs Erste genügte es ihm, zu wissen, daß Computer sich auch beim Militär im Allgemeinen an trockenen, angenehm klimatisierten Plätzen befanden und nicht im Dreck herumlagen wie zum Beispiel verletzte Soldaten.

Tatsächlich war er nur deswegen im Raster hängengeblieben, weil er auch bei gründlichster Recherche so gut wie kein Netzprofil hatte, keine Partybeweisfotos, keine Teenager-Homepage, nichts. Wie denn auch? Vielen Dank, Papa, hatte er mit einem säuerlichen Grinsen gedacht.

Aber natürlich hatte die Sache einen Haken.

Denn keine zwei Jahre später war er selber auf dem Weg in den Sand, zusammen mit vier weiteren frischgebackenen Offizieren und einem Container voller Aufklärungsdrohnen. In seiner Uniformtasche steckten sein Offizierspatent, der Marschbefehl und die Aufnäher mit den Rangabzeichen des Leutnants. Er war noch nicht dazu gekommen, sie anzunähen.

In den Sand gesetzt, ha ha, das war der Standardwitz, über den nach wenigen Tagen niemand mehr lachte.

Nach Afghanistan kam Indonesien, nach Indonesien kam Afrika, zuerst Nigeria, dann der Tschad und nun der Sudan.

Seit zwanzig Monaten war im Westen des Sudans kein Regen mehr gefallen und die Dürrekatastrophe hatte die alten Fehden und Konflikte, die bis in die Kolonialzeit zurückreichten, wieder aufflammen lassen. Innerhalb weniger Tage war der Stützpunkt in Nyala, von dem aus die Hilfslieferungen des UNHCR verteilt wurden, von fünfzehntausend halb verhungerten Flüchtlingen umgeben. Hilfskonvois wurden geplündert und als die NATO eine Eingreiftruppe einfliegen ließ, explodierte das Pulverfaß .

Blitzschnell hatte sich das Gerücht verbreitet, die Militärflugzeuge seien gekommen, um die UN-Helfer und die Hilfsgüter fortzubringen und der Stützpunkt werde aufgegeben. Tausende von Flüchtlingen, rasend vor Hunger und Wut hatten versucht, das Gelände zu stürmen und die Warnschüsse der Soldaten verstärkten das Chaos nur noch weiter. Dann begannen die Soldaten, in blanker Panik in die Menge zu schießen. Über einhundert UN-Helfer und Soldaten starben und niemand war da, um die Leichen der Sudanesen zu zählen, denn nun mußte der Stützpunkt tatsächlich evakuiert werden.

Wenige Tage später wurde Dombart mit einem Dutzend anderer Techniker aus Port Sudan in das neue provisorische Lager verlegt. Da stand Müller Zwo dann plötzlich im Eingang der Containerbaracke und trug immer noch seine bescheuerte Dienstbrille.

Müller Zwo war ein Fallschirmjäger, den Dombart noch aus der Zeit der Grundausbildung kannte. Der schlaksige Kerl mit dem Ruhrpottakzent und der altmodischen Nickelbrille war immer für ein paar originelle Ansichten gut. Dombart hatte ihn einmal gefragt, warum er sich die Augen nicht lasern ließ und Müller Zwo hatte gegrinst und geantwortet: "Ist mir lieber so. Glaub mir, manche Tage lassen sich mit einem Sehfehler besser ertragen."

Leider hatte Müller Zwo neben seinem eigenartigen Humor für einen Soldaten allerdings auch noch ein ziemlich hartnäckiges Problem mit Autoritäten. Nach nur zwei Monaten war er im hohen Bogen aus der Ausbildung geflogen, nachdem er eine halbautonome Bodendrohne auf die Erkennungsmarke seines Feldwebels programmiert hatte. Der kleine Roboterjeep war dem Feldwebel stundenlang gefolgt wie ein zugelaufener Hund und hatte sich allen Versuchen, ihn herunterzufahren, durch hektische Ausweichmanöver entzogen.

Normalerweise hätte das mit einer unehrenhaften Entlassung geendet, aber offensichtlich lag niemandem daran, die Sache hochzuspielen. Denn eigentlich hätte der ganze Trick überhaupt nicht hätte funktionieren dürfen. Der drahtlose Identifizierungschip, der seit einigen Jahren zu den Erkennungsmarken dazu gehörte, kollidierte nämlich auf mehrere Arten mit den deutschen Datenschutzgesetzen und durfte nur aktiviert werden, wenn sich der Träger an einem UN- oder NATO-Einsatz teilnahm. Die gesamte Kompanie mußte für einen Routinecheck der Hundemarken antreten und Müller Zwo wurde eilends in eine Kompanie irgendwo im Kaputtland hinter Berlin abgeschoben.

"Tag, Herr Leutnant, soll ich mal Haltung annehmen?" fragte Müller Zwo und Dombart konnte sich schon denken, wie sein Kamerad es geschafft hatte, nach zwei Jahren immer noch nur Obergefreiter zu sein.

"Ich soll die Aufzeichnungen für's Operationszentrum abholen", erklärte er und rückte an seiner Brille herum.

Es schien ihn weder zu wundern noch zu verdrießen, daß man ihn für diesen Idiotenjob abkommandiert hatte. "Da gibts eine Menge Feldwebel, die haben schon zehn Jahre und mehr auf dem Buckel und wenn du den Kram selber hinbringst, müssen sie dich grüßen. So'n grünschnäbligen Leutnant, und dann auch noch vom Fachdienst. Ja, und da haben die keinen Bock drauf, also schicken sie mich. Mission erfüllt."

Ein paar Tage später saßen sie auf dem Erdwall, der das provisorische Lager umgab und sahen zu, wie die Sonne im Sand versank. "Ist außer Kontrolle geraten", sagte Müller Zwo, der dabei gewesen war, als der alte Stützpunkt gestürmt wurde. "Jetzt werfen wir den Kram an Fallschirmen ab." Dombart wußte das natürlich, denn schließlich wurden die Abwurfpunkte anhand der Videoaufnahmen bestimmt, die seine Aufklärungsdrohnen lieferten. Niemand wagte sich mehr mit Bodenfahrzeugen nach da draußen, um Maismehl und Panzerkekse zu verteilen.

Dombart hatte von den belgischen Pionieren, die das Lager angelegt haben, zwei Sixpacks erbeutet. In Belgien füllten sie das Bier immer noch richtige Flaschen aus Plastik oder Glas ab, nicht in die Schwabbeltüten, die in Deutschland inzwischen üblich sind. Das Bier trug den Namen "De verboden Vrucht" und schmeckte, wie er nun irritiert feststellte, ein wenig nach Heidelbeeren. Müller Zwo hatte ihm die Flasche nach dem ersten Schluck wortlos vor die Füße gestellt und einen ziemlich großen Grasjoint gedreht, den er jetzt entzündete.

"Vorgestern ist wieder ne Zweier-Palette mit Reis und Zeug abgeschmiert", fuhr Müller Zwo nach einer Pause fort und hielt ihm den Joint hin. "Drei Außenleinen gerissen. Wumm."

Dombart winkte ab. "Ich krieg immer so komische Träume davon", sagte er. Müller Zwo kicherte und sagte dann: "Oh, Glücklicher Dombart Düsentrieb. Meine hören auf davon." Dombart verkniff sich die Frage, was das für Träume waren, denn er wußte inzwischen, daß Müller Zwo schon hier gewesen war, als der alte Stützpunkt überrannt worden war. Er versuchte, das Thema zu wechseln: "Sag mal, ist vielleicht ein bißchen gewagt, hier in aller Öffentlichkeit herumzukiffen. Wenn dich die Feldjäger erwischen, lochen Sie dich ein und..."

"Hast du ein Pferd gesehen oder was?", fiel ihm Müller Zwo ins Wort. "Die kassieren höchstens das Gras. Wenn sie mich verhaften, können sie's mir aber morgen nicht zum zweiten Mal verkaufen, also ist das mal extre-e-em u-u-unwahrscheinlich." Während er die Vokale in die Länge zog, stieß er eine gewaltige Rauchwolke aus und begann dann, zu husten.

"Jedenfalls", er paffte noch ein paar tiefe Züge und fuhr fort: "Gestern kommt eine Patrouille an der Absturzstelle vorbei. Die Patrouille hat einen richtigen Major dabei, der die neuen Fenneks ausprobieren will und der sieht sich die Sache dann an. Stellt sich raus, die Seile sind zu zwei Drittel durchgeschnitten. Verstehst du, ein Riesenspaß, schmeißen wir den Bimbos mal ne Tonne Kekse aufs Dach. Hahaha."

Er zog ein letztes mal an dem qualmenden Stummel und schnippte ihn dann in die Dunkelheit.

"Der Major bestellt sich also den Stuffz, der das Abwurfteam führt und stellt ihn zur Rede. Nein sagt der Stuffz, das kann er sich nicht erklären, er wird mit seinen Männern reden. Und ob der Herr Major vielleicht beim nächsten Mal mitfliegen möchte um sich zu überzeugen, daß alles mit rechten Dingen zugeht. Und da wird der Major ganz blaß."

Dombart wußte wieder nicht, was er sagen sollte, also tat er so, als studierte er die verschlungene Schrift auf dem Etikett der Bierflasche. Irgendwie, so stellte er fest, war das nicht so das Wahre mit den Heidelbeeren. "Und?" fragte er.

Müller Zwo nahm die Brille ab, rieb sich die Augen und stand dann auf. "Was und? Nix und. Das wars, Ende der Geschichte. Da wird keiner was erzählen. Schließlich mußt du ja mit den Leuten fliegen und ein paar von denen sind schon lange reif für die Klapsmühle, ganz heimlich, still und leise. Er machte eine wegwerfende Geste. "Wenn du ne Geschichte mit Pointe willst, kann ich dir ein paar Filme ausleihen."

Dann ging er fort, ohne Gruß. Es war das letzte Mal, daß sie sich gesehen haben.

(...)

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Dombart nimmt einen Zug (Teil 1)


Um ein Haar hätte er es nicht mehr rechtzeitig geschafft.

Als er die Securityfritzen mit ihren vierschrötigen, von Plastikprotektoren aufgeblähten Silhouetten am Eingang des Bahnhofs stehen sah, hatte er innerlich aufgestöhnt und schon geahnt, was als Nächstes kommen würde. "Zur Verbesserung der Kundensicherheit werden heute stichprobenweise Personenkontrollen durchgeführt", verkündete die Leuchtschrift an der Absperrung und Dombart kam da natürlich wie ein gefundenes Fressen.

Nie wieder, so hatte er sich nach der Militärzeit geschworen, würde er jemals wieder irgendeine drahtlose Hundemarke mit sich herumschleppen und schon gar nicht die Sorte, die man sich unter die Haut des Unterarms pflanzen läßt, weil das so schön bequem ist. Was im Alltag manchmal schon für die eine oder andere Komplikation sorgen konnte, auch wenn die Rechtsprechung ziemlich eindeutig verbot, jemanden festzuhalten oder unangemessen zu behandeln, nur weil er keine Radio-Tags trägt. Aber bei wem will man sich beschweren, wenn man - natürlich rein zufällig - so eine Art Magnet für Stichproben geworden ist? Vielleicht ja beim Bundesschicksalsministerium, wie ihm einmal ein grinsender Kaufhausdetektiv empfohlen hat.

Das alles ging ihm zum durch den Kopf, während einer der Uniformierten seinen Ausweis zum dritten Mal in sein Lesegerät steckte, als hoffte er, ihm so doch noch eine entscheidende Information entreißen zu können. Der zweite wühlte so lange in seiner Tasche herum, bis der Verschluß sich kaum mehr über dem ehemals geordneten Inhalt schließen ließ und der dritte sah aus ein paar Schritten Entfernung zu, die Hand ganz lässig und wie zufällig auf dem Gürtelfutteral mit der Schockpistole.

Als er die Treppe zum Bahnsteig hinauf hastete, wartete der Zug schon abfahrtbereit am Gleis. Die kleine dicke Frau mit der roten Mütze der Zugbegleiter stand schon in der Waggontür, machte dann aber einen Schritt hinunter auf den Bahnsteig und krähte mit unverkennbarem Berliner Akzent zu ihm herüber: "Aahaa, die Herrschaften vom letzten Drücker! Jetzt aba ganz hurtig, junger Mann!"

Dombart rief ein Danke hinüber und bestieg so schnell, wie es seine Taschen und der Rucksack zuließen, den nächsten Waggon. Im Inneren umfing ihn warme Heizungsluft, die nach Plastik, Kaffee und irgendetwas wie Kräuter roch und er spürte, wie ihm nachträglich am ganzen Körper der Schweiß ausbrach. Der Wagen war nur spärlich besetzt und die Erste-Klasse-Abteile waren bis auf einen dicken Mann mit einem klobigen Mobiltelefon am Ohr völlig leer. "Ich gehe davon aus", sagte er gerade, als Dombart vorbeiging und fuhr nach einer kurzen Pause fort: "Genau. Ich habe Freisetzen gesagt."

Direkt neben dem Eingang zur zweiten Klasse saß eine dunkelharige Frau, die einen kleinen Computer auf dem Klapptisch vor sich hatte und mit den Händen in der Luft herumfuchtelte. Sie mußte ziemlich groß sein, denn sie hatte die Beine zu einem halben Schneidersitz gekreuzt, wie Dombart es auch oft tat. Der Computer war einer von diesen Dingern, die wie eine Gummimatte mit aufgedruckter Tastatur aussehen und die man zusammenrollen kann, wenn man sie nicht benutzt.

Er hob seine Taschen beim nächstbesten freien Platz in die Gepäckablage, zog den Mantel aus und ließ sich in den Sitz fallen. Sein Gewicht ruhte noch keine Sekunde auf dem Polster, als der Bildschirm in der Sitzlehne vor ihm aufflackerte und Werbung für etwas zu machen begann, das irgendein fabulöser neuer Ferienpark zu sein schien. Dombart kannte das schon: Solange der Sitz sein Gewicht registrierte und er sich nicht mit seinem Telefon oder sonst irgendeinem Chip zu erkennen gab, würde auf dem Bildschirm irgendein Shopping-Channel in Endlosschleife ablaufen. Also wickelte er den Schal vom Hals und hängte ihn so über die Sitzlehne, daß er über den Bildschirm herabfiel.

Als er aus dem Fenster schaute, sah er bereits den Bahnsteig zurückfallen. Der Zug war fast unmerklich angefahren, lediglich das Pfeifen des Antriebsmotors nahm zu und stieg ein paar Noten in der Tonleiter höher. Während vor dem Fenster das Zickzackmuster einer Stahlbogenbrücke vorbeizog, atmete er tief ein, atmete wieder aus und schaute zu, wie die Fensterscheibe für einen kurzen Augenblick beschlug. Als sie wieder klar wurde, sah er sein eigenes Spiegelbild.

Er war froh, die Stadt zu verlassen.

Sein Ex-Arbeitgeber hatte ihn hierher beordert, um die Formalitäten seiner Kündigung abzuwickeln und dann hatte man ihn fünf Tage in seinem Hotel schmoren lassen, als der Termin wieder und wieder verschoben wurde. Seit der Flut war er nicht mehr in Hamburg gewesen und die Stadt kam ihm trotz des Wiederaufbaus seltsam verändert vor. Oder vielleicht gerade deswegen, er war sich nicht sicher und konnte das Gefühl auch nicht benennen. Hätte ihn jemand gefragt, so wäre sein naheliegendester Vergleich wohl der mit einer großen Einkaufspassage oder einem Freizeitpark mit einem ziemlich aufwendigen Hamburg-Thema gewesen.

Es hatte aber niemand gefragt.

Der Zug durchquerte inzwischen bereits die Außenbezirke Hamburgs und zwischen den Gebäuden sah man die ersten großen Wasserflächen. In ein paar Minuten würde der Bahndamm zu einem Damm im wörtlichen Sinn werden und für fünfzig Kilometer durch die Wasserwüste des norddeutschen Flutlandes führen. Ein Bürogebäude zog vorbei und in einem der unteren Stockwerke war ein einzelnes Fenster erleuchtet. Für einen kurzen Augenblick sah er einen Mann in einem leeren Büro, der vor sich etwas auf dem Schreibtisch stehen hatte, das ebenso eine Wasserpfeife hätte sein können wie eine Stehlampe. Beides seltsame Dinge, um sie auf einen Schreibtisch zu stelllen, dachte Dombart. Dann wurde es schlagartig dunkel, als der Zug in einen Tunnel einfuhr und Dombart sah, daß hinter ihm im Gang jemand stand und sich nach der Gepäckablage reckte Als er sich umdrehte, sah er einen ziemlich kleinen drahtigen Mann, der zur Ablage hinaufschaute und offensichtlich überlegte, wie er sein Gepäck dort unterbringen sollte.

Dombart räusperte sich und fragte dann: "Kann ich Ihnen vielleicht mit dem Gepäck helfen?" Der Mann drehte sich um und sah ihn an. Er war wirklich ziemlich klein, kaum größer als Dombart, der noch immer saß. Sein asiatisches Gesicht unter dem Bürstenhaarschnitt lächelte. "Das wäre sehr freundlich", sagte er in so akzentfreiem Deutsch, daß er wie ein Nachrichtensprecher klang. Dombart faltete sich aus seinem Sitz und sah einen Schalenkoffer in Textmarker-Pink und eine Reisetasche in ähnlich schrillem Türkis. Er verstaute das Gepäck in der Deckenablage und wollte sich wieder setzen, als der kleine Mann ihm die Hand hinstreckte: "Peng", sagte er.

"Entschuldigung?", fragte Dombart und der kleine Mann lächelte wieder: "Li Jün Peng. Mein Name." Er machte eine kurze Pause. Dombart kam sich wie ein ziemlicher Esel vor und ergriff die Hand, die natürlich auch ziemlich klein war und sich anfühlte, als bestehe sie nur aus Muskeln und Schwielen. "Nicht der Rede wert", sagte Dombart. Sie setzten sich.

"Es ist eine schöne Sache, so groß gewachsen zu sein", entgegnete Herr Peng. "Aber nur bis zu dem Moment, wenn man seinen Sitzplatz gefunden hat", antwortete Dombart. Herr Peng schaute zu Dombart, der mit Kniescheiben und Hintern mehr oder weniger fest zwischen den den beiden Sitzreihen eingerastet war und dann auf seine eigenen Knie, die mehrere Handbreit von der Lehne vor ihm entfernt waren. Er schien einen Augenblick nachzudenken und sagte dann nachdrücklich: "Des einen Eule ist des anderen Nachtigall." Er zog ein Buch aus der Tasche, klappte es auf und streckte es Dombart entgegen, so daß er hineinsehen konnte "Im Zug" lautete die Überschrift auf der einen Seite, gefolgt von einer Reihe typischer Redewendugen, die mit dem Zugfahren zu tun hatten. Auf der anderen Seite waren Buchstaben, die aussahen wie die Spuren, die kleine Vögel im Schnee hinterlassen.

"Ich verbessere meine Deutschkenntnisse." Er strahlte. "Ich bin Artist und reise nach Paris, um dort zu arbeiten. Ich schlage das Rad." Er legte das Buch neben sich auf den Sitz.

"Ah, das Rad", antwortete Dombart etwas verwirrt. "Das ist schön." Vielleicht sollte ich auch lernen, das Rad zu schlagen, dachte er. Die Abfindung, die er nach seinem letzten Job bekommen hatte, würde für ein paar Monate ausreichen, aber er wußte nicht, wie es danach weitergehen sollte. Und die Entscheidung, nach Saarbrücken zu fahren, hatte weniger damit zu tun, irgendwo hin, sondern mehr damit, von irgendwo weg zu kommen. "Ich steige schon in Saarbrücken aus und besuche ein paar Freunde dort", sagte er. "Ah, Freunde. Das ist gut", sagte Herr Peng.

Stimmt, dachte Dombart. Hoffentlich habe ich ihn nicht angelogen.

Für einen Augenblick wurde das Geräusch des fahrenden Zuges lauter, als hinter ihnen die Tür zum nächsten Waggon geöffnet wurde. Die Schaffnerin kam herein, um die Fahrkarten zu kontrollieren. Dombart, der keine Zeit mehr gehabt hatte, am Bahnhof ein Ticket zu ziehen, mußte eine ziemlich teure Nachlösekarte kaufen, was ihm einen erstaunten Blick der Schaffnerin einbrachte. Ihre Augenbrauen gingen noch ein Stück weiter in die Höhe, als er mit Bargeld bezahlte. "Sachen gibts", murmelte sie und zog eine große Brieftasche hervor. Während sie nach dem passenden Wechselgeld suchte, fiel Dombarts Blick auf ein Fotos von einem Mann und zwei kleinen Jungen, die hinter einer angeschnittenen Torte in die Kamera lächelten. "Zwillinge", sagte die Schaffnerin, die Dombarts Blick bemerkt hatte und fügte hinzu: "Und der Herr Papa natürlich. Sonst vergesse ich noch, wie sie aussehen, haha."

Sie zog den Quittungsbon aus dem winzigen Drucker, der an ihren Gürtel gehakt war und drückte ihn Dombart in die Hand. "Dann wünsche ich eine gute Reise. In Saarbrücken sollten wir um drei ankommen", sagte sie und ging weiter.

Dombart steckte seine Fahrkarte ein und hob versuchsweise den Schal an, der immer noch über dem Bildschirm hing. Tatsächlich, das Werbegeflimmer hatte aufgehört und der Bildschirm zeigte jetzt nur noch das Livebild der Kamera, die aus der Kanzel des Zugführers auf die Strecke blickte. Links und rechts der Bahngeleise war nur eine endlose Wasserfläche zu sehen. Das würde jetzt noch ungefähr eine Stunde so weitergehen. Endlose Salzwasserseen, aus denen hier und da ein eingefallenes Hausdach oder der Mast eines Windrades emporragte. Er stand auf und machte sich auf den Weg zum Speisewagen.

Der dicke Mann in der ersten Klasse telefonierte wieder. Oder immer noch. "Nun, daraus kann man nur lernen", sagte er gerade. "In diesem Sinne... ja, genau..." Er nickte mit einem beeindruckenden Dreifachkinn.

Der Speisewagen nannte sich "Onboard" und war so ein Selbstbedienungsding mit Stehtischen und Automaten für Getränke, merkwürdig bleiche Sandwiches und Mikrowellenfraß. Der Werbesponsor hatte den Wagen als tropische Strandbar dekoriert, komplett mit falschen Palmen und Südseetapete. Dombart stand in der Tür und blinzelte ein paar mal.

Dann stellte er fest, daß die Automaten zwar ein halbes Dutzend verschiedener Karten, aber kein Bargeld annahmen. Seine Geldkarte war seit Tagen leer, weil das Aufladen aus irgendeinem Grund nicht mehr funktionierte. Er starrte mißmutig auf die Kaffeemaschine, als eine Stimme hinter ihm fragte: "Und? Ist das Ding kaputt?" Es war die Frau mit dem Computer, der jetzt zusammengerollt in ihrer Jackentasche steckte.

Au weia, dachte Dombart und erklärte sein Problem. "Macht nichts", sagte die Frau, "ich lade Sie ein, wenn es nicht gerade Champagner sein soll." Dombart drückte den Knopf der Kaffeemaschine, die einen Pappbecher herausploppte und mit einigem Gewinsel und Geblubber so etwas wie einen Kaffee zu produzieren begann. Dombart suchte die passenden Münzen heraus und wollte sie der Frau geben. Sie zog belustigt die Augenbrauen in die Höhe: "Was soll ich denn damit? Ich meine, Bargeld, hallo?" Er bemerkte, daß er unsinnigerweise heiße Ohren bekam. "Sie sind ja nicht so eine Art Gauner, oder?" Sie sah in prüfend an, lachte dann und fügte hinzu: "Nein, sind Sie wohl nicht." Dombart nickte nur. Die Frau musterte den Automaten, schnalzte tadelnd mit der Zunge und drückte dann den Knopf für Tee.

"Es stört Sie hoffentlich nicht, wenn ich noch etwas arbeite", sagte die Frau und zog den Computer aus der Tasche. "Äh", sagte Dombart und fügte schnell hinzu: "Nein, überhaupt nicht." Sie sah ihn wieder prüfend an. "ich werde Ihnen schon kein Auge auspieksen." Sie rollte den Computer auf einem der Stehtische aus, schaltete ihn dann aber doch nicht ein. "Lassen Sie mich mal raten", sagte sie. "Sie sind mehr so ein Tastatur-und-Maus-Typ und kommen sich albern vor, wenn Sie mit Gesten oder Sprachsteuerung arbeiten müssen."

"Naja", sagte Dombart, der überhaupt keine Lust auf eine Interface-Diskussion hatte, weil die nach seiner Überzeugung stets ohne brauchbares Ergebnis endeten. Außerdem war er nicht ganz bei der Sache, weil ihm aufgefallen war, daß die Frau trotz ihrer Größe sehr schlanke Handgelenke und schöne Hände hatte. Mit solchen Händen sah sogar Gestensteuerung richtig gut aus. Aber das behielt er lieber für sich.

"Schauen Sie mal her", sagte die Frau mit den schönen Händen und riß ihn aus seinen Gedanken. Sie machte eine wischende Bewegung, während sie gleichzeitig die gespreizten Finger zusammenzog. Die Tastatur auf dem Computer verblasste und schrumpfte zu einem briefmarkengroßen Symbol am rechten Rand. Stattdessen erschien ein Fenster mit einer grafischen Darstellung mit geschwungenen Linien, die entfernt so aussahen wie der Blütenstand einer Schafgarbe. An den Verzweigungen und da, wo die Blüten gewesen wären, flimmerten winzige Symbole und Wörter um die Schafgarbe herum.

Sie sprach jetzt etwas schneller und mit dem Singsang, der sich einstellt, wenn Sachen zum hundertsten mal erzählt. "Also das ist eine Mindmap mit Sprouts-Auflösung", sagte sie und schaute kurz zu ihm. "Muß man auch im Moment nicht wissen was, das ist. Jedenfalls kann man damit prima Paradoxe in multilinearen Interfaces finden und ausmerzen." Sie machte etwas mit beiden Händen, das zu schnell für Dombarts Augen war und trennte zwei Verzweigungen, die ineinander verhakt zu sein schienen. Die Linienstruktur erzitterte und verästelte sich ein bißchen anders. "Wenn ich das mit einer Maus machen sollte, würde ich mich umbringen." Sie lachte. "Naja, das ist etwas übertrieben. Aber Sie sehen doch, was ich meine?"

Dombart nickte, obwohl er sich gar nicht so sicher war, ob er es wirklich sah. Er war sich noch nicht einmal sicher, welche Frage er gerne stellen würde. "Aber was ist es denn eigentlich, also ich meine, wenn es mal fertig ist?", fragte er. "Ein Kinderbuch", sagte die Frau völlig ernst. Dann lächelte sie wieder und fuhr fort: "Es heißt 'Kleine Flotti Nimmersatt' und handelt von einem kleinen Robotermädchen, das in die Welt hinauszieht..." Sie schien in Dombarts Gesicht irgendetwas Amüsantes sehen zu können und machte eine Pause.

"Ein Kinderbuch", echote Dombart verwirrt. Die Frau hob die Augenbrauen: "Also es ist nicht so ein lineares, äh, gedrucktes Ding. Obwohl die Hardware fast genau so aussieht, aber damit habe ich nicht so viel zu tun. Jedenfalls kann das Kind mit Flotti reden und ihr Hilfe bei Entscheidungen geben, sodaß die Geschichte jedes mal ein wenig anders verläuft. Flotti kann auch bestimmte Verhaltensmuster, Strategien und Defizite des Kindes erkennen und sich darauf einstellen. Naja, undsoweiter." Sie zuckte die Schultern. Dombart, der mit Büchern aufgewachsen war, die jedesmal die gleiche Geschichte erzählen, fand das zwar interessant, aber gleichzeitig auch merkwürdig anstrengend.

Die Frau wandte sich wieder ihrem Computer zu und Dombart trank den Rest seines Kaffees aus, der schon fast kalt war. "Tja", sagte er. "Tja", antwortete sie. Dann schnippte sie mit den Fingern. "Ach ja, da hab ich noch was für Sie. Hab ich mal geschenkt bekommen und brauche sie eigentlich nie. Hundert Prozent Pappe. Kein Chip. Müßte Ihnen doch gefallen." Sie lächelte und gab ihm eine Visitenkarte. "Antje Øklesund" stand darauf und darunter Namen in kleinerer Schrift "Expertin". Sonst nichts. Er drehte die Karte um. Auf der Rückseite war ein halbes Dutzend Adressen aufgedruckt und keine davon war geografisch.

(...)

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Das Reh (Teil 1)


Ich hatte nur einen kurzen Moment nicht auf die Straße gesehen, denn der alte VW-Transporter hatte noch eines von den Navigationssystemen, bei denen der Bildschirm in der Mittelkonsole und nicht in der Windschutzscheibe eingebaut ist. "RITCHIE DAUBER IST EINE DRECKSAU" stand da in roten Blockbuchstaben unter dem Warnsymbol für "Schleudergefahr bei Regen". Wieder einmal irgendwelche Idioten, die es spaßig fanden, mit selbstgebastelten Störsendern am GPS-System herumzupfuschen. Ich hatte schon von Fällen gehört, wo Kurierfahrer mit wertvoller Fracht durch solche Tricks in Hinterhalte gelockt worden waren, aber für meine Ladung traf das wohl kaum zu. Ein paar Dutzend Paketsendungen und eine Palette mit irgendwelcher Billig-Elektronik, das war alles.

Als ich wieder aufschaute, sah ich durch die dichten Regenschleier das Reh auf der Straße stehen.

Ich erinnere mich zwar noch, was ich dachte, jedoch nicht mehr, in welcher Reihenfolge, sodaß es in meiner Erinnerung scheint, als hätte ich drei Gedanken gleichzeitig gehabt: Angeblich sind Rehe doch fast ausgestorben, also warum muß eines von den übrig gebliebenen ausgerechnet vor meinem Wagen auftauchen? Dann: Bremse! Und: Es wird nicht mehr reichen. Ich hörte das Rumpeln und Klopfen des Antiblockiersystems, stellte fest, daß mein Fuß bereits auf der Bremse stand, und starrte wie gelähmt auf das Reh, das geblendet ins Licht der Scheinwerfer zurückstarrte. Instinktiv kniff ich die Augen vor dem unvermeidlichen Aufprall zusammen.

Der Aufprall blieb aus. Statt dessen machte der Wagen eine merkwürdige Bewegung zur Seite, als rutsche er einfach ein paar Meter im rechten Winkel nach rechts und ich riß die Augen wieder auf. Das Reh war verschwunden wie ein Trugbild und es knallte dreimal, als die Stoßstange eine Reihe von Begrenzungspfosten abmähte. Dann begann der Wagen, sich zu drehen und rutschte mit dem Heck voraus die Böschung neben der Straße hinab. Mit einem ohrenbetäubenden Knall schlug mir etwas Helles ins Gesicht.

Das nächste, an das ich mich erinnere, ist das Gefühl von Kälte in meinem linken Bein. Es war stockdunkel und nach einigem Suchen gelang es mir, die winzige Lampe zu finden und anzuknipsen, die im Griff des Zündschlüssels eingebaut war. Erleichtert stellte ich fest, daß das Kältegefühl nicht von einer Verletzung herrührte, sondern vom Regen, der von draußen hereintropfte. Die Fensterscheibe der Fahrertür war verschwunden, ebenso ein großer Teil der Windschutzscheibe und auch mein Telefon, das auf dem Armaturenbrett gelegen hatte. Die Airbags waren ausgelöst worden und bewegten sich im Wind, der von draußen hereindrang. Die Kabine sah aus wie eine eingestürzte Theaterbühne nach einer mysteriösen Katastrophe. Die heutige Vorstellung muß leider abgesagt werden, ging es mir durch den Kopf, unwillkürlich begann ich zu kichern und dachte dann: So ein Schockzustand ist schon eine tolle Sache. Dann löste ich den Sicherheitsgurt, drückte gegen die Tür, die augenblicklich aufsprang und fiel mehr aus der Kabine, als daß ich ausstieg. Ich rutschte im nassen Gras umher und spähte im Licht des winzigen Lämpchens unter den Wagen, um herauszufinden, ob noch irgendwie an eine Weiterfahrt zu denken war. Die Brennstoffzelle war abgerissen und der Feuerlöschschaum quoll aus mehreren Rissen wie erstarrter Zuckerguß. Das Heck versank in einem Hügel aus aufgepflügtem Erdreich und die Heckklappe war aufgesprungen. Das Frachtgut hatte sich losgerissen und lag über die Böschung verteilt. Die Wiese war voller Mobiltelefone.

So etwa zweitausend Stück, überlegte ich und konnte wieder ein Kichern nicht unterdrücken, als ich mir vorstellte, das einzige funktionierende Telefon in diesem Durcheinander zu suchen. Reiß dich zusammen, dachte ich und schlagartig war die Unwirklichkeit der Szene verflogen. Ich stand mitten in der Nacht im Nirgendwo, ein Wolkenbruch durchnäßte meine Kleider und ich fror. Meine Jacke befand sich noch im Wagen und ich machte einen Schritt den durchnäßten Hang hinauf, meine Knie gaben nach und ich fiel der Länge nach hin. Als ich aufschaute, sah ich den Typ zum ersten Mal.

Die Wolkendecke über mir war ein Stück weit aufgerissen und ließ einen Schimmer von Mondlicht durch. Vollmond, dachte ich, es ist Vollmond. Für einen Augenblick glaubte ich, das Reh stünde wieder da und glotze auf mich herunter, aber meine Augen hatten mir einen Streich gespielt. Ein hagerer Typ, der einen Wollmantel und einen Schlapphut trug, stand am Straßenrand und rauchte in aller Seelenruhe eine Zigarette. So ein richtig übles Ding mit Tabak darin. Natürlich kann man das nirgends mehr in der Öffentlichkeit tun, ohne zumindest eine Geldbuße zu riskieren, aber die meisten Leute, die nicht damit aufhören können, rauchen das Zeugs heimlich zuhause und rennen deswegen nicht mitten in einem Regenguß in den Wald hinaus.

"Sind Sie in Ordnung?", rief er hinunter und ich antwortete: "Gerade ging's noch." Er zog eine runde Blechschachtel mit Klappdeckel aus der Manteltasche, steckte den Glimmstengel hinein und kam den Hang herab gestiefelt. Mit seiner Hilfe schaffte ich es wieder zum Wagen zurück und als ich meine Jacke heraus holte, fand ich auf dem Boden meine Thermoskanne, die wie durch ein Wunder heil geblieben war. Ich schraubte den Deckel ab, der auch als Trinkbecher diente und goß mir etwas lauwarmen Tee ein. "Wärmt ein bißchen", sagte ich. Mein unbekannter Helfer griff in den Mantel, zog einen Flachmann aus silbernem Metall heraus und hielt ihn mir entgegen. "Wärmt besser", grinste er dazu.

"Was ist da drin?", fragte ich leicht mißtrauisch. Sein schmales Gesicht mit dem fusseligen Jesusbart war nicht unsympathisch, nur seine Augen waren irgendwie merkwürdig und schienen mir überall hin zu folgen, ohne wirklich in meine Richtung zu blicken, genau so, wie es die Augen auf manchen alten Porträtgemälden tun. "Ähm", sagte er, als müsse er tatsächlich einen Augenblick über meine Frage nachdenken und sah seinen Flachmann an. "Rum", antwortete er dann, "bester Jamaika-Rum", goß sich einen Schluck in den fingerhutgroßen Deckel des Flachmannes und hielt mir dann das Fläschchen hin. "Sieht nicht so aus, als würden Sie heute Nacht noch Auto fahren", fuhr er mit einem Blick auf den demolierten VW-Bus fort, schüttete einen kleinen Schluck Rum in meinen Becher und prostete mir mit seinem Fingerhut zu: "Jay. Ich heiße Jay."

Im Grunde ist es mir egal, wenn sich die Leute irgendwelche Spitznamen geben, wenn ihnen Johann oder oder Jakob oder was auch immer zu langweilig ist. Also verkniff ich es mir, nach seinem ganzen Namen zu fragen und prostete zurück: "Dombart. Raoul Dombart. Sieht so aus, als hätte ich heute ziemliches Glück im Unglück gehabt." Ich nahm einen vorsichtigen Schluck und wurde angenehm überrascht. Der Rum war richtig gut und ganz und gar nicht der billige Fusel, den ich instinktiv erwartet hatte. "Ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet. Da war ein Reh auf der Straße und beim Ausweichen bin ich von der Straße abgekommen."

"Schön für das Reh", entgegnete Jay, schlürfte einen winzigen Schluck Rum und gab ein zufriedenes Seufzen von sich. Ich versuchte, das Gespräch in eine praktischere Richtung zu lenken. "Darf ich vielleicht Ihr Telefon benutzen?", fragte ich. Jay sah mich mit erstauntem Gesicht an, dann schüttelte er den Kopf. "Nein, so etwas besitze ich leider nicht." Irgendwie hatte ich so etwas schon erwartet, aber wer heutzutage kein Telefon bei sich trägt, ist entweder unglaublich arm, unglaublich reich oder unglaublich exzentrisch. Ich tippte mal auf Erklärung Nummer drei. "Können Sie mich ein Stück mitnehmen bis zur nächsten Ortschaft? Ich muß den Unfall der Spedition melden, einen Abschleppdienst finden und so weiter." Dann fiel mir ein, daß ich gar nicht wußte, wie es Jay hierher verschlagen hatte. "Also ich meine, falls Sie einen Wagen haben."

"So etwas ähnliches", antwortete er und half mir die Böschung hinauf auf die Straße. Dort stand ein zweisitziges Gefährt mit Pedalantrieb, eine kleinere und gedrungenere Version der Fahrrad-Rikschas, die man in vielen Städten als City-Taxis herumfahren sieht. "Tretobratze", sagte er, und ich fragte mich, ob das wieder ein mir unbekanntes Modewort war oder der Name seines Fortbewegungsmittels. Es war zwar nicht exakt das, was ich erhofft hatte, aber die durchsichtige Windverkleidung bot Schutz vor dem Regen, die Schalensitze waren erstaunlich bequem und man lag mehr darin, als daß man saß. Es war auf jeden Fall besser als ein stundenlanger Fußmarsch durch die Nacht.

Als ich meine Füße auf die Pedale schob, fühlten sich meine Beine schwer wie Blei an. "Ich fürchte, ich werde Ihnen keine große Hilfe sein", sagte ich zu Jay, doch der lächelte nur und tatsächlich sausten wir nach kurzer Zeit in flottem Tempo dahin. Trotz seiner hageren Gestalt und der offensichtlichen Neigung, schädliche Substanzen zu konsumieren, schien mein Retter gut im Training zu sein. Vom Prasseln des Regens und dem Schnurren der Antriebskette abgesehen, war unsere Fahrt nahezu geräuschlos und irgendwann muß ich dann tatsächlich eingenickt sein.

Als ich erwachte, waren wir zum Stehen gekommen. Ich blinzelte ein paar mal und sah mich um. Der Regen hatte nachgelassen und die Tretobratze parkte vor einem Gebäude mit einer großen zweiflügeligen Eingangstür. Die umliegenden Häuser waren dunkel und machten einen verlassenen Eindruck. Hier oben im Norden gibt es immer noch viele Geisterstädte und Dörfer, deren Bewohner nach der Flut nicht mehr zurückgekehrt sind. Ich legte den Kopf in den Nacken und sah einen steinernen Pfeiler in den Himmel zeigen.

"Klopfet an, so wird euch aufgetan", versuchte ich zu witzeln. Jay nickte nur und antwortete: "Matthäus sieben eins". Er kletterte aus seinem Sitz und ging zur Tür der Kirche. Ich folgte ihm und sah, daß trotz der späten Stunde die Buntglasfenster erleuchet waren. Mein Begleiter legte die Hand auf den Türgriff und lächelte: "Oder sparet euch das Geklopfe, es ist schon offen. Jay eins eins."

Tatsächlich war die Tür nicht verriegelt. Das Kirchenschiff war von einigen Sparfunzeln erleuchtet und ein Mann in dunkler Hose und weißem Hemd versuchte gerade, eine große Plastikwanne so zurechtzurücken, daß sie unter einer undichten Stelle im Dach zu stehen kam. Ich sah, daß ein knappes Dutzend Eimer, Wannen und andere Gefäße im Raum verteilt waren und ebenso zahlreich war die Anzahl der Stellen, an denen das Wasser von der Decke tropfte.

"Guten Abend", sagte Jay und der Mann richtete sich auf. Er stopfte sein Hemd in den Hosenbund zurück, zerrte den Gürtel über einem beachtlichen Bierbauch zurecht und sah uns mürrisch an. "Das möchte ich mal sehen, daß an diesem Scheißabend noch irgendetwas gutes passiert." Er hielt kurz inne und schien sich zu besinnen, wer er war und wo er sich befand. "Sie entschuldigen bitte meine Ausdrucksweise", fuhr er in einem Tonfall fort, der etwas priesterlicher klinngen sollte. "Aber Sie sehen ja, wie es hier ausschaut. Sie haben nicht zufällig ein paar Eimer oder Töpfe oder sonst irgendetwas, um diese, ähh, Bescherung aufzufangen?" Ich schüttelte den Kopf und Jay bestätigte: "Leider nicht."

"Mal eben fünftausend Fische herbeizaubern war früher kein Problem, aber heute reicht es nicht mal mehr für ein Dutzend Putzeimer. Ich weiß wirklich nicht mehr weiter. Das tut wohl nur der Allwissende." Der Priester versuchte ein Lächeln, aber es sah nicht fröhlich aus. "Tja, eigentlich ist so ein Eimer ja nicht komplizierter als ein Fisch", sagte Jay und fuhr einer kurzen Pause fort: "Aber vielleicht lernt ja auch der Allmächtige gelegentlich noch etwas dazu." Der Priester schaute etwas verdutzt und schien zu überlegen, ob Jay sich über ihn lustig machen wolle. Ich nutzte die Pause, um von meinem Unfall zu berichten und nach dem Telefon zu fragen. Der Priester zuckte die Schultern: "Falls Sie es irgendwie nicht mitgekriegt haben sollten: Die Kirchensteuer ist seit elf Jahren abgeschafft. Das Telefon ist schon seit Monaten abgestellt, denn dafür ist genau so viel Geld übrig wie für einen Dachdecker. In den Städten, da können sich die Kollegen als Spendenkasper für wohltätige Alibiparties über Wasser halten, aber hier, am anderen Ende der Welt..." Er verstummte.

In der Stille hörte man es im Kirchenschiff tropfen.

"Das war wohl nix", sagte ich zu Jay, als wir wieder vor der Kirche standen. Der schwang sich wieder in den Schalensitz seines Gefährtes, schaute nachdenklich auf die Kirchentür und lächelte dann: "Vielleicht haben wir anderswo mehr Glück."

Wir folgten der Wegbeschreibung, die uns der Priester zum Abschied gegeben hatte und tatsächlich fanden wir nach wenigen Minuten eine Tankstelle und eine Kneipe, die sich "Zum Landei" nannte. BIER-PUB DISCO BISTRO verkündete die Leuchtreklame und ich versuchte vergeblich, mir vorzustellen, wie diese Mischung funktionieren sollte.

Das Innere des "Landei" machte der Leuchtreklame alle Ehre. Auf der rechten Seite versuchte eine Theke aus dunklem Pseudoholz, Kneipengemütlichkeit zu vermitteln, zur linken signalisierten ein Dutzend leerer Tische, daß die Geschäfte im Augenblick nicht allzu gut gingen. Ein glatzköpfiger Kerl einem Mechanikerovall löste seinen Blick aus seinem Bierglas, um uns zu mustern, nickte uns zu und brummte etwas, das möglicherweise ein Gruß war. Hinter der Theke lehnte ein Mensch an einem Barhocker und starrte auf einen der Reklamebildschirme, die in Augenhöhe an den Wänden hingen. Ein bis zu den Knien reichender Schlabberpulli und ein Wust roter Dreadlocks ließen nicht erkennen, ob es ein Mann oder eine Frau war.

Auf den Bildschirmen war eine weite Landschaft mit sanften Hügeln zu sehen, auf der Wind ein Wellenmuster in das hohe Gras zeichnete. Vermutlich würde es ein paar Minuten dauern, bis irgendwann die eigentliche Werbebotschaft in das Video eingeblendet würde. Zen-Werbung nannte sich das und war vor einigen Monaten in Mode gekommen, angeblich weil die meisten Zuschauer der immer schnelleren Schnittfolge der bisherigen Werbesendungen nicht mehr folgen konnten oder wollten.

Ich dirigierte Jay zu einem der freien Tische und fragte ihn, was er trinken wolle. "Ich weiß nicht...", begann er und ich fügte hinzu: "Ich lade Sie ein, das ist ja wohl das Mindeste, das ich tun kann." Seine Miene hellte sich auf. "Dann hätte ich gerne ein Reisbier." Ich verkniff mir mit Mühe einen Kommentar, sagte statt dessen: "Ich will mal sehen, was sich da machen läßt" und ging zur Theke. Ich bestellte einen Kaffee für mich, ein Weizenbier für Jay und fragte nach einem Telefon. "Weizen haben wir nicht", teilte mir der Mensch mit, der, nach der Stimme zu schließen, eine junge Frau war. Ihr Blick war immer noch auf den Bildschirm gerichtet. "Aber wir haben diesen Monat so ein chinesisches Zeugs, das schmeckt so ähnlich. Telefon ist da rechts, vor dem Klo."

Kopfschüttelnd kehrte ich zu Jay zurück, einen Becher Kaffee in der einen Hand und eine Flasche Tsin-Tao in der anderen. "Hätte ich gar nicht erwartet, daß die hier so was haben", sagte ich zu Jay. Der nahm einen langen Zug aus der Flasche, seufzte lang und entgegnete : "Aber ich." Dann rülpste er laut und genüßlich. "Prosit", sagte der Mann am Tresen, ohne sich umzudrehen.

Ich nahm einen Schluck Kaffee. Das Gebräu, das wahrscheinlich schon einige Stunden auf einer Heizplatte zugebracht hatte, erinnerte im oberen Drittel an heißes Pfützenwasser und darunter an verdünnten Teer. Mein Seufzer geriet dementsprechend kürzer und weit weniger glücklich und ich machte mich auf die Suche nach dem Telefon.

(...)

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